Seit fünf Jahren lebe ich in der deutschen Businessmetropole Frankfurt am Main. Ich, selbst Kreativarbeiterin, habe hier meinen Platz gefunden, weil mich die Gegensätze faszinieren – arm und reich, pieksauber und unverschämt dreckig, verschnörkelte Villen mit Chauffeuren vor den Türen und Menschen, die mit ihrem Hab und Gut an den U-Bahn-Stationen leben. Die Stadt lebt von Banken und vom größten deutschen Flughafen, vom Geld verdienen und ausgeben. Die Menschen auf den Straßen sind immer in Eile. Was aber macht so eine Stadt zu Zeiten wie diesen?  

Die Antwort ist plump: Die Stadt summt. 

Ohne seine Angestellten, ist Frankfurt ein Dorf. Endlich trifft man echte Frankfurter – damit gemeint sind nicht etwa Menschen, die hier tatsächlich geboren wurden – denn die sieht man tatsächlich selten und die meisten davon wohnen wohl in den Vorstädten. Ich meine diejenigen, die ernsthaftes Interesse an der Stadt hegen, die nicht nur zum Arbeiten kommen, sondern nach Feierabend gerne hier bleiben, anstatt über eine der zahlreichen Autobahnen ins Jenseits zu verschwinden. Im noblen Westend grüßt man sich dieser Tage auf der Straße, beim Schlange stehen an den Supermärkten erkennt man plötzlich bekannte Gesichter, man telefoniert mit den kleinen inhabergeführten Geschäften seines Stadtteils, um Bestellungen aufzugeben, die man anschließend vor die Ladentür gestellt bekommt. Man plaudert mit dem Kassierer der Supermarktkasse darüber, wie es seiner schwangeren Schwester und den Eltern gerade geht und der Besitzer des kleinen Cafés um die Ecke, erzählt, wie ihm Tränen in die Augen schießen, weil er seinen Angestellten sagen muss, dass der Laden bis auf Weiteres geschlossen bleibt. Man sieht nicht viele Menschen in Eile, dafür plötzlich sehr viele vormittags geduldig an den Supermärkten stehen. An den Wohnhäusern hängen Plakate mit Initiativen für Nachbarschaftshilfen und tatsächlich sieht man auch, wie junge Leute, alten Klopapier in deren Wohnungen tragen. 

Die Stadt ist ungewohnt leise. Am frühen Abend, wenn ich meine Tochter ins Bett lege, lauschen wir neuerdings den Kirchenglocken und am Morgen hören wir die Vögel zwitschern – obwohl der nächste Baum ein paar hundert Meter von unserem Wohnhaus entfernt steht. Wenn wir mit den Fahrrädern fahren, gehören die Straßen uns ganz alleine und zum ersten Mal erscheint uns auch ein Spaziergang durch den Stadtwald erholsam – so ganz ohne Fluglärm. Eine ganze Landebahn steht voller Flugzeuge, die nach Jahren endlich mal eine Verschnaufpause machen dürfen. Daher brummt es in der Stadt auch weniger, stattdessen hört man die ersten Bienen summen. Überhaupt haben die Menschen Zeit,  den Frühling an jeder Ecke zu bewundern – Magnolien, Forsythien, Kirsch- und Apfelbäume lenken den Fokus der Tablets und Smartphones auf sich, weil keine bunten Geschäfte davon ablenken. Endlich dominiert einmal nicht der Business-Look, sondern die Freizeithose die Straßen und die Stadt wird unheimlich menschlich dadurch. 

In den Parks ist ein buntes Treiben – man sieht Jogger und anstatt, wie gewöhnlich, Mütter mit Kindern, endlich auch mal die Väter dazu. Die Wochenmärkte bleiben gut besucht, nur der Ansturm in der Mittagspause bleibt aus – es kommen keine Anzugträger, die sich in Grüppchen um den Espresso-Stand horten, trinken und rauchen und über ihre Projekte diskutieren. Stattdessen sieht man ganz gewöhnliche Familienväter mit Einkaufstaschen und Fahrrädern. Ob es die gleichen Menschen sind? 

In Frankfurt trägt man gewöhnlich auch nach Feierabend noch Anzug – nach aktueller Etikette ohne Krawatte – die Grenzen zwischen Arbeitstag und Feierabend sind fließend. Normalerweise trifft man auch gegen 22 Uhr noch Geschäftsleute, die an ihren Laptops arbeiten, in den Bars. Sie warten auf Züge oder haben keine Lust mehr, in Büro oder Hotelzimmern zu arbeiten. Sie wollen unter Menschen sein. Aber gerade sind die Lichter überall aus: in den Hotels, den Bars, den Bordellen. Keine Geschäftsessen in den Restaurants, kein Mittagstisch beim Metzger, kein Stau auf der Mainzer Landstraße, keine rollenden Koffer, noch nicht mal Gedränge am Hauptbahnhof. Nur die Stille um die EZB ist immer gleich. 

Ansonsten ist Frankfurt gerade gleichermaßen so groß und klein wie nie – die Straßen und Gehwege breiter, das öffentliche Leben dafür ganz schmal. Es ist eine Businessmetropole ohne Business, voller Hochhäuser wie Schilf, die keine andere Aufgabe haben, als den Dorfweiher zu umsäumen. 

Posted by:WORTWIND

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